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Festrede

Zum 10- bzw. 11-jährigen Jubiläum der SchwUng – Unigruppe

am 30.1.1997 (SchwUnG-Schlonz im AKK / Altes Stadion)

Liebe Festgesellschaft!

Zehn Jahre Schwung, oder gar schon elf? Wer hätte das damals gedacht, als auf unsere ersten Plakate hin zur Mittagszeit zehn homosexuelle Männer im Frauen-Café des UStA zusammenkamen und beschlossen, sich von nun an regelmäßig zu treffen und eine aktive, sichtbare Schwulengruppe an der Uni zu gründen? Das erfüllt mich mit großer Freude und auch ein wenig Stolz.

Die Bedeutung der Existenz einer Schwulengruppe an einer Hochschule, zumal einer technischen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Für viele Hochschulmitglieder ist das Studium der erste Lebensabschnitt außerhalb des Elternhauses oder sonstwie gefestigter, traditioneller Strukturen. Dies ist für viele zunächst mit Unsicherheiten verbunden, mit der Konfrontation neuer Ideen, Einflüsse und Erfahrungen. Nicht wenige potentiell schwule Studenten, und selbstverständlich auch potentiell lesbische Studentinnen, haben diesen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit zu Studienbeginn noch nicht akzeptiert, geschweige denn erlebt. Dies war zumindest vor 10 Jahren so.

Vielen fehlen noch positive und unterstützende Identifikationen und das Wissen, nicht der oder die Einzige zu sein. Nicht-homosexuelle Studierende kommen häufig mit den üblichen Vorurteilen an die Hochschule, geprägt von Elternhaus, Schule, Wehrdienst und anderen heterosexuellen Umwelten. Für diese beiden Gruppen ist das Vorhandensein und Sichtbarsein einer schwulen Gruppe wichtig: als Coming-Out-Hilfe und Unterstützung für die einen, als bewußtseinsbildendes Element für die anderen.

Die Hochschule ist eine einmalige, wenn nicht die letzte Chance, auf den Meinungsbildungsprozeß der werdenden Akademiker Einfluß zu nehmen, und ihnen ihre Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben zu nehmen.

Dazu bedarf es keiner großen politischen Aktion. Die einfache Sichtbarkeit, das selbstbewußte Auftreten von Schwulen beim Verteilen von Erstsemesterinfos oder an Büchertischen reicht schon aus, bei Schwulen und Nicht-Schwulen Reaktionen anzuregen, die zu einer größeren Akzeptanz des eigenen Anders-sein bzw. des Anders-sein anderer führen können.

Insofern war uns von Anfang an wichtig, als schwule Gruppe sowohl eine Coming-Out-Funktion für Schwule zu übernehmen, Ihnen die Möglichkeit zu geben, Ihre Freizeit in alternativer und schwuler Umgebung zu verbringen, und außerdem offen schwul nach außen aufzutreten, Öffentlichkeits- oder schwulenpolitische Arbeit zu leisten. Es war gerade diese Kombination unserer Ziele, die die Schwung über Jahre hinweg zu einer aktiven und lebhaften Gruppe und zu einem bewegenden Teil der Studentenschaft, sowie der Schwulenszene auch außerhalb der Uni gemacht hat.

Die Schwung hat die Karlsruher Szene in der Tat nachhaltig mitgeprägt, nicht zuletzt sind aus ihr in Form von Arbeitskreisen bzw. Untergruppen unter anderem die Schrillmänner, die Kulturwoche ‘Schrill im April’, die Lauf-, Schwimm- und andere Sportgruppen hervorgegangen, die aus Karlsruhe mittlerweile nicht mehr wegzudenken sind.

Ich freue mich, daß die Schwung nun einen neuen Höhepunkt erlebt. Gerne wäre ich heute mit Euch. Da das nicht möglich ist, wünsche ich Euch gleichviel Elan, neuen Mut, neue Ideen wie wir sie damals hatten, vor allem aber auch viel Spaß dabei.

Herzlichen Glückwunsch!
Uwe Reiter (Gründungsmutter)

zum 10- bzw. 11-jährigen Jubiläum am 30.1.1997 (SchwUnG-Schlonz im AKK / Altes Stadion)